Schmerz in den Gliedern
chronischer Schmerz in den Gliedern
Teil 1

Die lateinische Begriff "Membrum" oder "Extremitas" stehen für ein Gl ied bzw. eine Gl iedmaße. Man unterscheidet:

Ein Schmerz in den Gliedern, also ein Schmerz in den Armen und Beinen, kommt als alleiniges bzw. vorherrschendes Krankheitszeichen nur bei wenigen Erkrankungen vor. Es sind dies hauptsächlich:

  1. Polyarthritis ((z.B. Gelenkschmerzen bei primär chronischer Polyarth ritis (PcP)
  2. Polyneuropathie (bei der Zuckerkrankheit, Alkoholmißbrauch und Vergiftungen)
  3. Raynaud-Krankheit (weitere Bezeichnungen: Morbus Raynaud, Raynaud Syndrom)(z.B. bei Kollagenosen (= Bindegewebserkrankungen), Ergotismus)
  4. und der Vollständigkeit halber: neben Fieber bei grippalen Infekten
     

Ein Schmerz (chronischer) in den unteren Gliedern kann durch unterschiedlichste Erkrankungen hervorgerufen werden. Der besseren Übersicht wegen werden diese in vier Hauptgruppen unterteilt:

  1. Schmerz in der unteren Extrem ität, bei dem der Ischias nerv (N. ischiadicus) einschließlich seiner Endäste beteiligt ist, bzw. die Schmerzreizleitung ausschließlich oder überwiegend über diesen Nerv erfolgt.
  2. Schmerz in den unteren Gliedern, bei dem der vordere Oberschenkel nerv (N. femoralis) einschließlich seiner Endäste beteiligt ist, bzw. die Schmerzreizleitung ausschließlich oder überwiegend über diesen Nerv erfolgt.
  3. Schmerz in den unteren Gliedern, bei dem (andere) Nerven des Pl exus lumbalis (= Nervengeflecht dessen Wurzeln dem Rücken mark der mehr oberen Lendenwirbelsäule entstammen) beteiligt sind, bzw. die Schmerzreizleitung über diese Ner ven erfolgt.
  4. Schmerz in den unteren Gliedern, der von den Blutgefäßen (Adern, Schlagadern) ausgeht.

ad1: Der Begriff "Ischialgie" beschreibt Beinschmerzen, die im Verlauf des Isch ias-Nervs (Gesäß, rückwärtiger Ober-, äußerer und hinterer Unterschenkel sowie Fuß bis zur Groß zehe vor) auftreten, wobei die Schmerz en aber nicht den kompletten Nervenverlauf umfassen müssen, sondern es können je nach Ursache auch einzelne Abschnitte betroffen sein. 
Eine der häufigsten Schmerzursachen für einen Beinschmerz im Ausbreitungsgebiet des Ischias ist der periphere Projektionsschmerz (= mehr oberflächliche Schmerzausstrahlung bzw. Schmerz verlagerung) bei Affektionen (= Störungen, Erkrankungen) der spinalen (= das Rückenmark betreffenden) Ner venwurzeln L4-S3. Eine Ischialg ie geht häufiger mit Schmerz en
Lumbalbereich (Lumbalgie oder Lumbago) einher, in diesem Falle lautet die Diagnose dann Lumboischialgie
Die echte Isch ias- Neuralgie (Ischiadikus-Neuralgie), als eigenständiges Krankheitsbild, gekennzeichnet durch einen häufig auftretenden, attackenförmigen Beinschmerz von wenigen Sekunden Dauer entlang des Nervenverlaufs, ist selten. 
Nicht selten entstehen Ischiasschmerzen infolge von Verletzungen oder iatrogen (= durch ärztliche Einwirkung verursacht) durch Operationen im Bereich der Hüfte und des Oberschenkels. Meist bestehen dann Dauer schmerz en bzw. länger anhaltende Schmerz episoden. Beinschmerzen können auch durch falsch gesetzte Spritzen ins Gesäß entstehen. Gefürchtet sind dabei besonders Rheumamittel. Das Schmerzbild ist dem einer Kausalgie (= typischer Schmerz bei einer Nervenverletzung) ähnlich (brennender Schmerzcharakter mit schmerzhaften Empfindungsstörungen). 
Eine schmerzhafte Neuritis (= Nervenentzündung) des Ischias kann durch die Zuckerkrankheit (auch im Rahmen einer Polyneu ropathie) oder auch durch Alkoholmißbrauch entstehen. Die länger anhaltenden Beinschmerzen treten bei dieser Ursache meist beidseitig auf. 
Auch Vergiftungen mit einem Schwermetall (z.B. Thallium, Blei, DDT) können im Sinne einer Neuritis zu
Ischialgie und damit zu Be i n - bzw. Schmerz en der unteren Gliedern führen. Typisch sind dabei motorische und sensible (= die Muskel kraft und die Empfindung betreffende) Störungen oder gar Ausfälle.

Isolierte Schmerz en im Bereich der Unterschenkel außenseite und des Fußrücken s können auf ein Fibulaköpfchen-Syndrom zurückzuführen sein. Am Fibulaköpfchen (= Köpfchen des Wadenbeins) liegt der N. peroneus communis (= ein Nervenast des Ischias) unmittelbar am Knochen und kann dort leicht komprimiert werden, so z.B. durch einen Gipsverband, oder durch Brüche und Verrenkung in diesem Bereich. Für ein Fibulaköp fchen-Syndrom sind nach unten ausstrahlende Schmerz en bei Druck auf den Nerv hinter dem Köpfchen des Wadenbeins typisch. 
Das subakute oder chronische Tibialis anterior-Syndrom, ebenfalls ein sog. Kompressionssyndrom, geht mit Schmerz en an der Schienbein vorderseite einher, verursacht durch eine Nervenkompression in der Tibialisloge (= die sog. Streckerloge, ein Raum mit geringer Ausdehnungsmöglichkeit). Das akute Ti bialis anterior-Syndrom ist ein Notfall, der sofort operativ behandelt werden muß (Druckentlastung durch Spaltung der bindegewebigen Muskel umhüllung). 
Das vordere Tarsaltunnelsyndrom entsteht am Fuß  rücken durch Kompression des N. peroneus profundus (= Nervenast des Ischias) unter dem Ligamentum cruciatum (= gekreuztes Bindegewebsband), so z.B. durch zu enges Schuhwerk. Druck auf das Ligamentum verstärkt die Beschwerden am
Fußrücken
Das hintere Tarsaltunnel-Syndrom, ebenfalls ein sog. Nervenkompressionssyndrom, entsteht durch eine Kompression zwischen Innenknöchel und Retinaculum flexorum (= Halteband für die Beugemuskulatur zwischen Innenknöchel und
Fersenbein). Typischerweise tritt ein Schmerz und Gefühlsstörungen an der Fußsohle, vor allem beim Gehen und nachts auf. 
Die Morton-Neuralgie (Morton-Metatarsalgie), eine sog. Metatarsalgie (= Mittelfußschmerz) ist auf eine Neurombildung (= gutartige Nervenauftreibung) durch Druck auf die Nn. digitales II-IV (= Nerven, die die Zehen versorgen) zurückzuführen. Die Patienten klagen über einen Brennschmerz im Bereich der vorderen Fußsohle. Der b rennende Schmerzcharakter gibt Anlaß zur Verwechslung mit einer Sympathalgie
(= Schmerz aufgrund einer Reizung des unwillkürlichen Nervensystems).

ad.2: Irritationen und Schädigungen des vorderen Oberschenkelnervs (N. femoralis) können entsprechend dem ausgedehnten Versorgungsbereich zu einem vielfältigen Schmerz in den unteren Gliedern führen. Der Nerv versorgt sensorisch (= die Empfindlichkeit betreffend) die Vorderseite und die mehr untere Innenseite des Oberschenkel s sowie die mittlere Knie region und streifenförmig die Haut an der inneren und vorderen Fläche des Unterschenkel s bis zum inneren Fuß rand ((N. saphenus (= Endast des N. femoralis)). Im Verlauf des vorderen Oberschenkelnervs (N. femoralis) gibt es aber bevorzugte typische Irritations- oder Schädigungslokalisationen:

- Nervenwurzeln L1-L4 (= 1. bis 4. Lendenwir belsäulensegment);
- im Becken: Kompression durch Tumoren des Beckens und des
        weiblichen Genital e, Operationen wie Herniotomie (= Leisten bruch-
        Operation), Hysterektomie (= Entfernung der Gebärmutter), TEP
        (= künstliches Hüftgelenk) und aortofemoraler Bypass (= künstliche
        Gefäßverbindung zwischen der Bauch und Oberschenkel schlagader), darüber
        hinaus Aneurysmen (= krankhafte Wandausbuchtungen einer Schlagader),
        Einblutungen infolge einer Behandlung mit Marcumar (= ein Mittel zur
        Blutverdünnung) und Bestrahlungsfolgen;
- Bereich des Ligamentum inguinale (= Leisten band): Kompression durch
        eine Schenkelhernie (= Leiste nbruch);
- Bereich des Kniegelenk s: Ergußbildung.

ad3:

Die Meralgia paraesthetica ist eine isolierte Neuritis (= Nervenentzündung) des Nervus cutaneus femoris lateralis und äußert sich in brennenden Schmerz en und Empfindungsstörungen an der Oberschenkelaußenseite sowie Druckschmerz einwärts vom vorderen oberen Darm beinstachel. 
Ursachen
: mechanisch (Kompressionssyndrom, bedingt durch Druck unter dem Leistenband oder auch Druck- oder Zugeffekte im Nervenverlauf, v.a. am Austrittsort aus dem Becken), toxisch (= durch Gifteinwirkung verursacht) z.B. bei Alkoholismus, infektiös (= durch Ansteckung verursacht) z.B. bei Syphilis. 
Beinschmerzen in Folge einer Nervenstörung oder Nervenschädigung des obturatorius: Entsprechend dem Versorgungsgebiet tritt ein Be in- bzw. Schmerz der unteren Gliedern und Parästhesien (= schmerzhafte Mißempfindungen) im Bereich des mehr unteren und inneren Oberschenkel s mit Ausstrahlung ins innere und untere Knie gelen k auf. In seinem relativ achsennahen Verlauf kann der Nerv durch benachbarte Prozesse geschädigt werden: z.B. Bandscheibenvorfall, Störungen im Bereich des M. psoas (= Muskel im Becken) und Prozesse im kleinen Becken. Auch bei Beckenbrüchen ist der Nerv gefährdet. 
Das seltene Wartenberg-Syndrom ist durch einen wandernden Schmerz in den Gliedern gekennzeichnet, der im Versorgungsbereich des N. obturatorius (Oberschenkel innenseite), N. cutaneus femoris lateralis (Oberschenkelaußenseite) und N. femoralis (vorderer Ober- sowie innerer und vorderer Unterschenkel) auftritt. Typischerweise kommen Beschwerden in der oberen Extrem ität (bevorzugt Schulter und Hand) hinzu. 
Die Ätiologie (= Ursache) und Pathogenese (= Entstehung / Entwicklung) dieser wandernden Polyneuritis (= En tzündung mehrerer Ner ven) sind unbekannt.

ad4: Schmerz (chronischer) in den unteren Gliedern bei venösen (= die Blutadern betreffende) Erkrankungen: Häufigste Störung des venösen Systems ist die chronisch venöse Insuffizienz auf der Grundlage einer venösen Abflußstörung. Diese Stauung äußert sich in tagsüber zunehmendem Schwere- und Schmerzgefühl sowie in Bei nschwellungen. Eine venöse Insuffizienz liegt vor, wenn der Knöchelumfang morgens und abends um mehr als 1,5 cm differiert. 
Bei der Untersuchung fallen eine Varikosis (= dichtes Geflecht oberflächlicher Krampfadern), eine livide (= bläuliche, fahle) Verfärbung der Haut, Ödem (= Schwellung durch Flüssigkeitsansammlung) und Pigmentstörungen auf. Bei weiterem Fortschreiten der Erkrankung kann es zu ausgedehnten trophischen (= mit Zeichen einer Mangelernährung einhergehenden) Störungen mit Ulcera cruris (= Beingeschwür, offenes Bein) kommen, begleitet von hartnäckigen Venenschmerzen
Häufiger verbleiben nach einer akuten Thrombophlebitis (= Venenentzündung mit Verschluß durch Blutgerinnsel) oder Thrombose (= Bildung von Blutgerinnsel) hartnäckige und oft auch heftige Venenschmerzen aufgrund eines sog. postthrombotisches Syndrom s
(= Krankheitszeichen die auf eine vorangegangene Thrombose zurückzuführen sind).

Schmerz bei arteriellen (= die Schlagadern betreffende) Erkrankungen:  
Eine arterielle Durchblutungsstörung kann sowohl organisch (= als Erkrankung die Blutgefäße selbst betreffend) als auch funktionell-vasospastisch (= überschießende Gefäßverengung) bedingt sein. Dabei sind fließende Übergänge wie beim Ergotismus (siehe unten) oder dem Morbus Raynaud (Raynaud-Syndrom) (siehe unten) möglich. 
Die Symptome (= Krankheitszeichen) der organischen arteriellen Durchblutungsstörungen hängen vom Ausmaß der Stenosierung (= Verengung) ab, aber auch davon, wie rasch sich diese entwickelt, denn bei langsamem Fortschreiten können sich Kollateralen (= Gefäße, die eine Verengung umgehen) bilden. Deshalb reicht die klinische Symptomatik (= Krankheitszeichen) von einer unbestimmten Mißempfindung in den Beinen über die klassische Claudicatio intermittens (= Schaufensterkrankheit) bis zu heftigsten akuten Schmerz en, verursacht durch eine Embolie (= plötzlicher Gefäßverschluß). Ein bei Belastung zunehmender Schmerz in den unteren Gliedern, Blässe und Untertemperatur der Haut, abgeschwächte oder fehlende periphere Pulse und Neigung zu Nekrosen (= abgestorbenes Gewebe) (hpts. Füße oder Hände) sind die charakteristischen Merkmale. 
Patienten mit Beinschmerzen bei obliterierender Atherosklerose (= zum Verschluß führende Verhärtung des Gefäßbindegewebes) weisen in der Regel die bekannten Herz-Kreislauf-Risikofaktoren wie Nikotinmißbrauch, hoher Blutdruck und Fettstoffwechselstörungen auf. 
Manifestiert sich die Krankheit in relativ jugendlichem Alter, vor allem bei Männern, muß bei exzessivem Nikotinmißbrauch an eine Thrombangitis obliterans (= Blutgefäßwandentzündung, die zum Verschluß führt) gedacht werden. 
Ätiologisch (= bezüglich einer Ursache) wird eine Autoimmunreaktion ( = gegen körpereigene Stoffe gerichtete Antikörper) vermutet. Arterielle Durchblutungsstörungen bei Diabetikern sind meist mit einer Polyneuropathie kombiniert, die sehr häufig im Vordergrund steht. Sie äußert sich zunächst in Kribbel parästhesien (= kribbelnde, z.T. auch schmerzhafte Mißempfindungen), später in brennenden Schmerz en, oft sockenförmig und schließlich in Hypästhesie (= herabgesetzte Empfindlichkeit). 
Bei der Raynaud Krankheit bzw. dem Raynaud-Syndrom, das häufig bei Kollagenosen (z.B. Sklerodermie) (= verhärtende Bindegewebsveränderungen) auftritt, führen Gefäßspasmen zu einer Unterbrechung der Blutzufuhr einzelner Gl ieder und damit zu einem Schmerz, bevorzugt in den Beinen, in schweren Fällen sind auch Nekrosen (= Absterben von Körpergewebe) möglich.
Ein Schmerz in den Gliedern wie bei der arteriellen Verschlußkrankheit, die bei üblicherweise fehlenden Risikofaktoren vor allem von Frauen im jüngeren oder mittleren Alter angegeben werden, kann Folge eines Ergotismus (= Vergiftung durch "Mutterkorn") sein. Deshalb ist die Frage nach einer Migräne vorgeschichte mit Mißbrauch von Ergotam in (= ein Mittel gegen den akuten Migräneschmerz) zwingend.

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